Brief des Criminalraths Franz Kysselak
Ein Verwandter, Franz Kysselak, schreibt an Constant v. Wurzbach:
Der Vater Joseph Kyselak, Liquidator bei der k.k.
Patrimonial-Familien und Avitikal Fonds=
Cassa, am Strozzischen Grunde Nr 5 wohnhaft,
starb am 9. August 1829 am serösen
Schlagflusse u. wurde im all. Kranken
hause gerichtlich beschaut. (laut Wr. Zeitung) [am Rand: 61 Jahre alt]
Dessen Sohn Joseph Kyselak, Registratur=Acces
sist der k.k. allg. Hofkammer, am Spittl
berg, Kirchengasse No 144 wohnhaft, starb
an der Cholera zwischen dem 16. – 26. Ok
tober 1831 im Alter von 30 Jahren. (laut Wr. Zeitung)
Das angegebene Alter von 30 Jah
ren ist nicht richtig; denn als mein Vatter, den
vorgenannten Liquidator mit seiner Gattin
und seinen zwei Söhnen Joseph und Wilhelm im
Jahre 1806 meine Aeltern besuchte und ich
die Söhne zum ersten Mahl sah, war ich 14
Jahre alt, und der ältere dieser Söhne,
namlich Joseph etwa um 3-4 Jahre jün-
ger als ich. Nach meinem Dafürhalten,
hat Joseph bei seinem Tode mindesten 36
Lebensjahre gezählt, wurde daher circa
1795 geboren.
Beide Söhne besuchten das Piaristen
Gymnasium in der Josephstadt, und Joseph
auch – jedoch wie ich hörte nur ein paar
Monathe die philosophische Lehranstalt in
Wien. Der jüngere Sohn Wilhelm wurde
auf einer kaiserlichen Herrschaft in Un-
garn als Deutschmeister, der ältere Joseph
aber in Wien, ohne daß ich mich mehr er
innere, in welcher der hiesigen Kanzleien
als Praktikant untergebracht. Später
erhielt letzterer bei der vorgenannten
Hofkammer eine definitive Anstellung, in
welcher er bis zu seinem Tode verblieb.
Joseph Kyselak, der Sohn, war von mehr
als mittlerer Natur, von kräftigem gesun
dem Körperbaue, ein enthusiastischer Natur-
freund, redeselig, heiter und jederzeit wohl-
gelaunt, so daß man seine Gesellschaft lieb-
te und der Jedlerseer Bräuermeister
Posch und Familie noch nach Jahren, wie
ich aus ihren Reden entnahm, sich seiner
mit tiefem Bedauern seines Todes auch er-
innerten, da er sie sehr oft besuchte.
Zu freien Stunden beschäftigte er sich
selbst als er noch Studiosus Gymnasii
war, mit der Drechslerei, und er hat
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es darin auch ziemlich weit gebracht, da er
Freude hirzu gehabt und eine nicht unbedeu
tende Anzahl von Drechslerwerkzeugen be-
sessen hat. Das lange, anhaltende Studi-
um dagegen behagte ihm durchaus nicht,
und es ist leicht zu erklären, warum er
nicht weiter studierte.
Wenn man ihn weiters noch etwas
zur Last legen wollte, so wäre es die Sucht
nach Exzentricität, welche auch die Ursa-
che seines Todes gewesen ist; denn zur Zeit
der in Wien herrschenden Cholera lachte
und spottete er unausgesetzt über die
Furchtsamen und über die ergriffenen
Maßnahmen zur Hinaufhaltung der Anste-
ckung, über alle angerathenen Vorsichten
und Vorschriften der Ärzte, aß ihnen
zum Trotz staunenswerthe Haufen Zwetsch
ken (Pflaumen), brachte auch davon,
wie mir einer der älteren Registra-
turbeamten erzählte, alle Säcke voll
in die Kanzlei und verzehrte nach u.
nach ganz gemütlich alles, zum Ärger
und Entsetzen seiner Kollegen. Selbst
als er von der Cholerakrankheit be-
fallen wurde, wieß er, auf seine Kör-
perstärke zu sehr pochend, jede ärztl-
iche Hilfe zurück, auch das Zure-
den und Bitten seiner Mutter konnte
seinen Starrsinn nicht biegen. Der
von ihm zurückgewiesene Arzt sah
sich nach der damaligen Vorschrift ge-
nöthiget, Anzeige darüber zu er-
statten, wie mir später der dama
lige Vorstand des Schotten Gerichtes
Hr Nehammer gelegenheitlich mittheil
te. Bei so bewandten Umständen
war Joseph Kyselak selbst an seiner
Krankheit u. an seinem Tode Schuld. […]
Criminalrath Franz Kysselak (1792-1879), Foto: Wien Museum.
Die Erinnerungen Franz Kysselaks an seinen Cousin nahm v. Wurzbach auf in das ‚Biographische Lexikon des Kaiserthums Österreich‘.
